Ich sehe was, was du nicht siehst

Das Thema, über das ich diesmal schreiben möchte, habe ich dank einer Umfrage auf meinem Instagram Account gefunden. Und zwar wollte ich von meinen Followern wissen, welches Thema sie in meinem neuen Blogpost interessieren würde. Dank der zahlreichen Vorschläge und regen Teilnahme habe ich nun sicher Themen für die nächsten paar Monate, wobei mich eine Einsendung besonders berührt hat. Dabei ging es darum, wann man zu alt zum Tanzen sei und was ich all denjenigen ohne nennenswerte Tanzerfahrung raten würde, die den Wunsch haben, im Erwachsenenalter mit dem Training zu beginnen. 
 
Aufgrund mehrerer Gespräche mit meinen SchülerInnen im Unterricht in den letzten Wochen, möchte ich dieses Thema gerne noch ein Stück weiter ausdehnen und mich in dem Zusammenhang mit der Frage beschäftigen: 
 
Wie werden wir die Grenzen los, die wir uns selbst setzen? 
 
Ich bin davon überzeugt, dass jeder von uns schon das ein oder andere Mal einen Wunsch oder ein Vorhaben direkt im Keim erstickt hat - noch bevor wir uns die Möglichkeit gegeben haben, es einfach unvoreingenommen auszuprobieren. Stattdessen plagen uns Selbstzweifel und wir scheitern bereits gedanklich, bevor wir überhaupt den ersten Schritt gewagt haben. Der erstickte Wunsch hinterlässt ein Gefühl der Enttäuschung und es bleibt die Frage: Was wäre wohl passiert, wenn ich mich einfach getraut hätte? 
 
Fakt ist: Wir sind unsere härtesten Kritiker und niemand geht so streng mit uns ins Gericht wie wir selbst.
 
Eine wunderbare Kursteilnehmerin von mir, die mit voller Leidenschaft tanzt, fragte mich kürzlich ebenfalls, ob sie mittlerweile zu alt sei fürs Tanzen. Scheinbar handelt es sich hierbei also um etwas, das einige beschäftigt. Abgesehen davon, dass mich die Frage generell sehr traurig macht, könnte sie auch nicht weiter von meiner eigenen Überzeugung entfernt sein. Warum sollten wir jemals für etwas zu alt sein, das uns glücklich macht und ganz nebenbei fit und gesund hält? Wir brauchen Bewegung - egal, wie alt wir sind. Natürlich ist es wichtig, ein Trainingslevel zu wählen, welches unsere Bedürfnisse an der richtigen Stelle abholt. Überforderung frustriert und verdirbt den Spaß an der Sache. Unterforderung allerdings lässt uns stagnieren. Wir treten auf der Stelle und geben uns selbst keine Entwicklungsmöglichkeit.
 
Wer im Erwachsenenalter ohne Vorkenntnis mit dem Tanzen beginnen möchte, sollte zuallererst seine Erwartungen an die eigene "Leistung" im ersten Probetraining zurückschrauben und sich einzig und allein auf den Spaßfaktor fokussieren. Oft höre ich nach einer Probestunde:"Die Anderen waren viel besser als ich." Völlig falscher Gedankenansatz. 1.) Die festen KursteilnehmerInnen sind mit dem Unterrichtsmaterial vertraut und im regelmäßigen Training. 2.) Wenn man bei einer ersten Probestunde in einem festen Kurs keinerlei Schwierigkeiten hat, dem Unterricht zu folgen und vielleicht sogar das Trainingsniveau der Gruppe anhebt, ist man definitiv im falschen Kurs! Natürlich schmeichelt eine Unterforderung im Training dem Ego. Wir dürfen nur nicht vergessen, dass ein Kurs, der uns unterfordert keinen Entwicklungsspielraum zulässt und wir auf der Stelle treten. 
 
Wer neu einsteigt, sollte sich von ersten Rückschlägen nie entmutigen lassen, sich Zeit geben und Geduld haben. Erst kürzlich erwähnte jemand im Training, von der ständigen Konfrontation mit dem eigenen Spiegelbild beim Tanzen irritiert zu sein. Hierzu habe ich ein wichtiges Anliegen: Der Spiegel ist nicht dafür gedacht, sich selbst zu be- oder verurteilen. Wir nutzen den Spiegel im Training, um uns selbst technisch korrigieren zu können. Hierbei gibt es einen großen Unterschied zwischen "korrigieren" und "kritisieren". Wie wir unsere eigene Leistung im Training empfinden ist stark subjektiv gefärbt. Wer mit dem Tanzen startet, benötigt vor allem Vertrauen und Geduld. Der Spaß am Tanzen und eine positive Grundeinstellung sind dabei der beste Antrieb.
 
Ein weiterer Punkt, der mir sehr am Herzen liegt: Vertraut euren Dozenten! Egal, ob bei einer Korrektur oder einem Lob - Ich sehe als Reaktion oft zweifelndes Stirnrunzeln. Habt Vertrauen! Wir wissen, was wir tun und wir meinen es gut mit euch. Ich freue mich über jeden kleinen Fortschritt meiner SchülerInnen, versuche Mut zu machen, wenn etwas nicht auf Anhieb gelingt und leiste sowohl tänzerische als auch seelische Hilfestellung. Hierbei unbedingt wichtig: Beim Tanz funktionieren Körper und Seele am allerbesten als Einheit. Wenn man also voller Zweifel ist, Angst hat oder sich schämt, sehe ich diese Blockade nur zu deutlich im Tanz. Sobald ihr den Tanzsaal betretet, gibt es keinen Platz mehr für Selbstzweifel und Zurückhaltung. Lasst los und traut euch! Schmeißt eure Gedanken über Bord und fühlt die Musik. Wenn ihr es liebt zu tanzen und ihr ehrlich zu euch selbst seid, interessieren dabei weder Alter noch Gewicht. Ein falscher Schritt oder eine Pirouette, die unsanft auf dem Boden landet, haben keine Bedeutung wenn ihr eurem Herzen folgt und tut was euch glücklich macht.