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"Denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns entweder leisten oder nach Belieben auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert."
- Richard von Weizsäcker 
 
Zuerst möchte ich betonen, dass euch dieser Blogpost einen Einblick in meine persönliche Lebenssituation und Gefühlswelt als freischaffende Künstlerin während der letzten drei Monate geben soll. Politische oder medizinische Statements werdet ihr vergeblich suchen, da ich nicht über die notwendige Kenntnis verfüge, um mich dahingehend zu äußern.  
 
13. März 2020
 
Da stand ich nun. Von der einen auf die andere Sekunde vor dem buchstäblichen Nichts. Und ich hatte Zeit. Viel Zeit. Alle Termine und Projekte - weg ! Ohne Ersatz, ohne Plan. Wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich ungern etwas dem Zufall überlasse, für jeden Plan einen Plan B habe und immer versuche, mich auf sämtliche Eventualitäten einer Situation vorzubereiten und einzustellen. Zum ersten Mal war ich ohne Plan.
 
Nun bin ich niemand, der sein Schicksal beklagt und darauf wartet, dass alles von alleine wieder gut wird. Meine erste Reaktion war daher unbändiger Aktionismus. Ich war nonstop damit beschäftigt, mich zu beschäftigen. Nach der ersten Woche war die Wohnung komplett auf links gekrempelt, der Schuhschrank aufgeräumter denn je; meine Kleidung nicht nur nach Jahreszeiten sondern auch - zum allerersten und hoffentlich letzten Mal in meinem Leben - nach Farben sortiert. Die Küche war blitzblank und die Fenster geputzt. Irgendwann hatte ich dann alles aufgeräumt und die Verzweiflung löste den Beschäftigungsdrang ab. Existenzangst. Pure Panik. Ich schlief pro Nacht vielleicht vier Stunden. Wie ich in dieser Phase feststellte, macht es emotional einen großen Unterschied, ob man nicht arbeiten kann oder nicht arbeiten DARF. Ich kannte die Situation, dass ich mit einer Verletzung dazu gezwungen war, der Arbeit für eine überschaubare Zeit fernzubleiben. Mit einer ausgekugelten Kniescheibe zuhause zu sein und nicht arbeiten zu können war die eine Sache.. aber völlig fit, gesund und voller Tatendrang zum Nichtstun verdonnert zu sein, alle bevorstehenden beruflichen Termine und Verpflichtungen zu verlieren oder absagen zu müssen und gleichzeitig zu beobachten, wie es dem Konto schlecht und schlechter ging - das war eine Erfahrung, die mir nicht nur fremd war sondern auch meine Vorstellungskraft sprengte.
 
In dieser Phase verspürte ich den Drang, auf die Situation der Künstler in dieser Krise aufmerksam zu machen und so teilte ich auf meinen Social Media Kanälen Berichte aus der Kunst- und Kulturszene und musste feststellen, dass ich mitunter auf Ignoranz und Gleichgültigkeit seitens anderer Berufsgruppen stieß. So durfte ich mir unter anderem anhören:"Du wirst doch wohl mal ein paar Monate ohne Schönheit leben können." Das waren wir also für die breite Masse. Deko. Das Sahnehäubchen, auf das nur zu gut verzichtet werden kann. Täglich bekam ich die bittere Bedeutung von "nicht systemrelevant" mit gnadenloser Breitseite um die Ohren geballert. Dafür hatte ich also studiert? Seit frühester Kindheit Stunde um Stunde im Tanzsaal verbracht und für meinen Traum, mein großes Ziel trainiert und gekämpft? Das war es dann jetzt? Alles, was meinen Beruf ausmacht, alles, was meine Arbeit beinhaltet, hat mit dem Kontakt zu anderen Menschen zu tun. Egal, ob als Darstellerin auf der Bühne oder als Tanzdozentin im Trainingssaal. Alleine geht es nicht. Home Office - nicht möglich. Perspektivlos vor dem Nichts.  
 
Und irgendwann begann ich, neue Impulse und Schwingungen festzustellen. Austausch und Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen. Ich durfte viele der Menschen in meinem Umfeld auf so viel tieferer Ebene kennenlernen, war überwältigt von ihrer Hilfsbereitschaft und Anteilnahme. Und so gelang es mir dank wunderbarer Helfer innerhalb eines Tages mein Dance Body Workout zum Dance Body HOME Workout umzuwandeln und statt im Tanzsaal in meinem Wohnzimmer vor dem Laptop zu unterrichten. Ich hatte wieder eine Perspektive. Eine Aufgabe. Eine Daseinsberechtigung. Und so fieberte ich jedem Zoom-Meeting mit meinen Workout-TeilnehmerInnen entgegen und wir strahlten regelmäßig um die Wette. Als dann auch meine Tanzklassen online wieder aufgenommen werden konnten und sich mein Terminplan endlich wieder füllte, fand ich langsam zurück zu mir. Da war es wieder - das Miteinander, das ich während des Berufsverbots und der Ausgangsbeschränkungen so sehr vermisst hatte. 
 
Was Menschen einander an Energie, Kraft, Verständnis, Zeit und Liebe geben können ist unbezahlbar und unbesiegbar. Und wenn dieser ganze Wahnsinn auch nur im Ansatz irgendetwas Gutes mit sich gebracht hat, dann ist es sicherlich genau diese Erkenntnis.
 
Dafür bin ich dankbar. Für die wunderbaren Menschen in meinem Leben. Und dafür, dass mir die Augen dafür geöffnet wurden, WIE wertvoll jede winzig kleine Bemühung und Geste ist. Wir können einander so viel geben, ohne dass es etwas kostet. Füreinander da sein, zuhören und verstehen. Wenn plötzlich das ganze Leben, alle Erwartungen, Pläne und Ziele auf ein Minimum heruntergezwungen werden, ist und bleibt das ohne Frage katastrophal, aber zusammen deutlich besser zu bewältigen als alleine.